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Kreaturen aus einer anderen Welt unter deinen Füßen

Lanzarote · 2 Min. Lesezeit

Kreaturen aus einer anderen Welt unter deinen Füßen

Unter dem Norden Lanzarotes, in einem vom Meer gefluteten Vulkantunnel, lebt eine Tiergemeinschaft, die erfunden wirkt: leuchtende Würmer, durchsichtige Krebstiere und ein blinder Räuber — der Remipede —, der einer so seltenen Gruppe angehört, dass die Wissenschaft sie erst 1981 entdeckte. Mehrere dieser Tiere existieren nirgendwo sonst auf dem Planeten: Ihre Heimat ist genau dieser Tunnel. Sie leben in völliger Dunkelheit, ohne Pflanzen, und ernähren sich von dem, was die Gezeiten zweimal täglich hineindrücken. Biologen nennen diesen Ort „ein Fenster zur Tiefsee". Du kennst ihn durch seine berühmteste Tür: die Jameos del Agua.

Der Túnel de la Atlántida — die unterseeische Fortsetzung der Cueva de los Verdes und der Jameos del Agua — ist nicht nur ein geologischer Rekordhalter. Er ist auch eines der seltsamsten Ökosysteme des Planeten: eine Welt in absoluter Dunkelheit und kristallklarem Salzwasser, bewohnt von einer Fauna, die wie für einen Science-Fiction-Film entworfen scheint.

Der wissenschaftliche Star ist der Remipede Morlockia ondinae, hier in den Achtzigerjahren entdeckt. Der Name ist bereits ein Hinweis: Er ist den Morlocks gewidmet, den unterirdischen Bewohnern aus H.G. Wells' „Die Zeitmaschine". Es ist ein langgestrecktes, blindes und unpigmentiertes Krebstier, das auf dem Rücken schwimmt und mit Dutzenden identischen Beinen rudert. Remipeden sind eine so urtümliche Gruppe, dass bis 1981 niemand von ihrer Existenz wusste, und seitdem hat man sie nur in einer Handvoll gefluteter Höhlen weltweit gefunden — der Karibik, Westaustralien … und Lanzarote. Sie sind außerdem die einzigen bekannten giftigen Krebstiere: Sie spritzen ihrer Beute einen lähmenden Cocktail ein, wie eine Miniaturschlange. Für einen Biologen ist die Begegnung mit einem Remipeden das, was für einen Astronomen die Entdeckung eines neuen Kometen ist.

Er ist nicht allein. In den Gewässern des Tunnels wurden Dutzende Arten katalogisiert, mehrere davon exklusiv für dieses System: Meereswürmer, die nie Licht gesehen haben, winzige papierweiße Krebstiere und der berühmte Jameíto, das blinde Krebschen aus dem See der Jameos. Viele gehören zu Tiefseelinien: Die am meisten akzeptierte Theorie besagt, dass der Tunnel als Botschaft des Tiefseeozeans funktioniert — Dunkelheit, Ruhe, stabiles Wasser —, wo Arten aus der Tiefe einen außergewöhnlichen Zufluchtsort nur einen Schritt von der Oberfläche entfernt fanden.

Wovon lebt diese ganze Welt ohne Sonne und ohne Pflanzen? Von der Großzügigkeit der Gezeiten. Zweimal täglich drückt das Meer frisches, mit Plankton und Partikeln beladenes Wasser hinein: ein Cateringservice, der seit Jahrtausenden läuft. Die Tiere des Tunnels leben in Zeitlupe, mit minimalem Stoffwechsel — hier unten ist Geduld eine Superkraft.

All das erklärt die strengen Regeln der Jameos: das Wasser nicht berühren, nichts hineinwerfen — eine einzige oxidierende Münze ist für dieses natürliche Aquarium wie ein Giftstoff —, kein Blitzlicht. Du stehst vor einem weltweit einzigartigen Ökosystem, so zerbrechlich wie wertvoll: der Art von Ort, den Wissenschaftler von drei Kontinenten erforschen und den du mit einer Eintrittskarte besuchen kannst. Nur wenige Tunnel führen buchstäblich auf einen anderen Planeten.

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